Nachdem wir das MESH Wheel in unserem ausführlichen IWM-Backtest eingeführt haben, stellt sich für jeden, der das System erfolgreich betreibt, früher oder später die Frage der Diversifikation: Welche weiteren Basiswerte eignen sich, um den Prämienfluss zu verbreitern und das Klumpenrisiko eines einzelnen Marktes zu reduzieren?
Die Antwort ist weniger trivial als sie scheint. Zwischen Backtest-Performance und Live-Handelbarkeit liegt eine Lücke, die systematische Optionshändler teuer bezahlen können. Dieser Artikel dokumentiert die Evaluation der relevanten Kandidaten – und erklärt, warum die Auswahl am Ende schmaler ausfällt als erwartet.
Die Bewertungskriterien
Aus unserer Sicht ist ein Underlying für das MESH Wheel geeignet, wenn es folgende Kriterien gleichzeitig erfüllt:
- Optionsliquidität: Enge Bid-Ask-Spreads, ausreichendes Open Interest, wöchentliche Expirations
- Positiver Drift: Langfristiger Aufwärtstrend oder zumindest stabile Mean-Reversion
- Ausreichende IV: Genug implizite Volatilität um nach Slippage und Kosten positive Prämien zu erzielen
- Keine strukturellen Fremdrisiken: Kein Währungsrisiko, kein regulatorisches Tail-Risk, kein Contango-Problem
Das vierte Kriterium klingt technisch, ist aber in der Praxis das K.O.-Kriterium für die meisten internationalen ETFs.
Internationale ETFs: Theoretisch attraktiv, praktisch problematisch
Die naheliegende Idee zur Diversifikation ist internationales Exposure – etwa über FEZ (Euro Stoxx 50), EFA (Developed Markets ex-US) oder EEM (Emerging Markets). Alle drei weisen in ruhigen Marktphasen moderate IV auf und sind auf dem Papier dekorreliert zu US Small Caps wie dem IWM ETF.
Bei näherer Betrachtung scheitern sie jedoch an strukturellen Problemen, die im Backtest unsichtbar bleiben.
Das Währungsrisiko im Grid: Diese ETFs notieren in USD, halten aber Assets in lokalen Währungen. EUR/USD-Bewegungen von 10-15% innerhalb eines Jahres sind keine Seltenheit – und sie verschieben den effektiven Einstiegspreis des Grids in einer Weise, für die das System nicht gedacht ist. Das ist kein Rendite-Problem, sondern ein Modell-Problem: Das Grid ist auf Preisbewegungen des Underlyings kalibriert, nicht auf überlagerte Währungseffekte.
Fehlender positiver Drift: Europäische Werte schütten hohe Dividenden aus, statt eigene Aktien zurückzukaufen. Jeder Dividendenabschlag senkt den Kurs des ETF. Das mindert den strukturellen Aufwärtsdrift. FEZ notiert real auf einem ähnlichen Niveau wie 2007 – fast zwei Dekaden ohne nennenswerten Kursfortschritt.
Optionsliquidität außerhalb der Kernindizes: EFA handelt zwar mit ausreichend Open Interest, aber wöchentliche Expirations sind dünn besetzt und die Spreads deutlich weiter als bei vergleichbaren US-ETFs. EEM ist liquider, leidet aber unter den strukturellen Drift-Problemen der Emerging Markets.
Fazit: Es konnten keine internationalen ETFs gefunden werden, die sich gut für das MESH-Wheel eignen. Die Kombination aus Währungsrisiko, fehlendem Drift und relativer Optionsschwäche überwiegt den Diversifikationsvorteil.
Breite US-Indizes: Zu teuer für das Grid
Die nächste Kandidatengruppe sind die bekannten US-Indizes.
SPY, QQQ, DIA scheiden aus einem pragmatischen Grund aus: Der Kapitalbedarf für ein Grid ist schlicht zu hoch. Ein Grid mit sinnvoller Levelanzahl auf SPY bei ~744 USD (Stand 22.06.2026) bindet schnell mal 600.000 USD – bei gleichzeitig deutlich niedrigerer IV und damit schwächeren Prämien. Die Prämienrendite auf eingesetztes Kapital ist bei diesen Underlyings strukturell niedriger.
US-Sektor-ETFs: Die differenzierte Betrachtung
Die XL-Serien der SPDR-Fonds bieten eine breite Palette. Die theoretischen Eigenschaften klingen verlockend – US-Exposure, kein Währungsrisiko im MESH Wheel, sektorspezifische Volatilität. Die Realität der Optionsmärkte ist jedoch heterogen.
Der Liquiditäts-Test
Der entscheidende Test ist einfach: Live-Optionskette nach Markteröffnung aufrufen und die Bid-Ask-Spreads bei ATM-Strikes mit 7-20 DTE messen. Das Ergebnis ist für viele Sektoren ernüchternd.
XLU (Utilities), XLB (Materials), XLV (Health Care) zeigen Spreads von oft 0,5 USD oder mehr bei ATM-Puts. Die theoretische IV dieser Sektoren existiert – aber ein wesentlicher Teil davon wandert bei jedem Trade direkt als Slippage zum Market Maker. Der Backtest rechnet mit Mid-Prices; der Live-Trader zahlt den Spread.
XLP (Consumer Staples) nimmt unter den defensiven Sektoren eine Sonderrolle ein. Die Optionskette ist liquide und weist in der Regel erfreulich enge Spreads auf. Zwar ist die implizite Volatilität mit meist 10–14 % strukturell niedrig – was zu geringeren absoluten Optionsprämien führt –, dem steht jedoch ein historisch sehr stabiler und krisenresistenter Kursverlauf gegenüber. Diese Kombination aus gut handelbaren Spreads und geringer Schwankungsbreite macht XLP zu einem interessanten potenziellen Kandidaten, der erste Anzeichen für einen sehr zuverlässigen Cashflow zeigt.
XLF (Financials) ist die positive Überraschung in der Sektor-Gruppe. Die Optionskette ist eng und liquide, getrieben durch hohe institutionelle Aktivität. Die IV ist moderat (~18-22%), was die Prämienrendite etwas begrenzt, aber die Slippage-Kosten sind minimal. XLF funktioniert strukturell als MESH-Wheel-Underlying – es leidet jedoch unter einer relativ hohen Korrelation zum breiten Markt (~0.80 zu IWM), was den Diversifikationswert einschränkt.
XLE (Energy) ist der klare Gewinner in der Sektor-Gruppe. Die Optionskette ist tief und liquide, Spreads sind eng, das Open Interest ist hoch. Die implizite Volatilität ist strukturell höher als bei defensiven Sektoren (~25-35%), getrieben durch makroökonomische Spekulation und Rohstoffzyklen. Gleichzeitig ist der Sektor moderat dekorreliert zu US Small Caps – nicht perfekt, aber besser als die meisten anderen Sektoren. Das Risiko: Politische Schocks und Ölpreiscrashes können das Grid schnell testen, wie 2020 gezeigt hat.
Edelmetalle: Bewährte Kandidaten
GLD (Gold ETF) ist ein solider Kandidat mit guter Optionsliquidität, wöchentlichen Expirations und einer IV von ~15-20%. Die Korrelation zu US-Equities ist strukturell niedrig (~0.05-0.15 zu IWM), was echten Diversifikationswert liefert. GLD eignet sich daher gut als stabiler Anker im Portfolio.
SLV (Silber ETF) bietet strukturell höhere IV als GLD (~25-40%) bei vergleichbarer oder besserer Liquidität. Die Korrelation zu GLD ist erwartungsgemäß hoch (~0.70), weshalb GLD und SLV im selben Portfolio eher als Alternativen denn als Ergänzungen zu betrachten sind.
GDX (Gold Miners ETF) hat ebenfalls eine funktionsfähige Optionskette, leidet aber unter deutlich weiteren Bid-Ask-Spreads als GLD oder SLV. Die IV ist hoch, aber die Slippage-Kosten fressen einen relevanten Teil der Prämie auf – ähnlich wie bei den schwächeren XL-Sektoren. Als Beimischung vertretbar, aber nicht als Kernelement.
GDXJ (Junior Gold Miners) und SILJ (Junior Silver Miners) wurden noch nicht vollständig evaluiert. Die Liquidität dürfte strukturell noch schwächer sein als bei GDX – ein erster Blick in die Optionskette wäre vor einem Einsatz zwingend.
Zwischenfazit: Die Liste der handelbaren Kandidaten
Nach diesem Filter-Prozess verbleiben als ernstzunehmende MESH-Wheel-Underlyings:
| Underlying | IV typisch | Optionsliquidität | Struktureller Drift | Diversifikationswert |
|---|---|---|---|---|
| IWM | 22-28% | ✅ exzellent | ✅ stark | Anker |
| SLV | 25-40% | ✅ sehr gut | ➡️ zyklisch | ✅ hoch |
| XLE | 25-35% | ✅ gut | ➡️ zyklisch | ✅ moderat |
| GLD | 15-20% | ✅ gut | ➡️ zyklisch | ✅ hoch |
| XLF | 18-22% | ✅ gut | ✅ moderat | ⚠️ begrenzt |
| GDX | 25-45% | ⚠️ mittel | ➡️ zyklisch | ✅ moderat |
Ausblick: TLT als eigene Kategorie
Das einzige Underlying, das noch offen ist und eine eigene, tiefere Betrachtung verdient, ist TLT (20+ Year Treasury Bond ETF). Die Optionsliquidität ist herausragend. Aber TLT verhält sich fundamental anders als alle bisher genannten Underlyings: Es reagiert primär auf Zinserwartungen, tendiert zu “Melt-Up”-Bewegungen statt zu Korrekturen, und korreliert in bestimmten Makro-Regimen negativ zu Equities – was es als Hedge interessant, als Grid-Underlying aber komplex macht.
Wie TLT konzeptionell in das MESH Wheel integriert werden kann und welche Anpassungen das System dafür braucht, ist Gegenstand einer eigenen Analyse.