Um von einem vielversprechenden Backtest ins Live-Trading zu gehen, ist die Slippage-Annahme eine der Variablen, die darüber entscheidet, ob eine Strategie in der Praxis überhaupt handelbar ist – und wie nah die Live-Ergebnisse am Backtest-Ergebnis liegen. Wird sie in Backtesting-Engines wie Option Omega zu niedrig angesetzt, kann allein dieser Modellierungsfehler den rechnerischen Edge einer Strategie auffressen, ohne dass sich am eigentlichen Setup etwas ändert. Wie sensibel Backtest-Ergebnisse generell auf solche Modellierungsannahmen reagieren, haben wir bereits in unserem Artikel zu Overfitting gezeigt.
Ein Double Calendar Spread (DCS) ist eine 4-Leg-Kombinationsstruktur und dadurch besonders anfällig für diesen Effekt: Vier einzelne Bid-Ask-Spreads addieren sich in der Ausführung zu einem Gesamt-Spread, der bei der Kombo-Order oft deutlich breiter ist als bei jedem Einzel-Leg. Die folgenden Daten stammen aus dem Live-Trade-Log von ThetaPilot, unserer selbst entwickelten Handelssoftware, die jeden Fill inklusive des zum Ausführungszeitpunkt gültigen Mid-Points protokolliert – nur dadurch lässt sich Slippage überhaupt sauber und automatisiert auswerten. Ausgewertet wurden 33 DCS-Trades, ausschließlich gehandelt auf SPX. Das Datenset umfasst mehrere DCS-Varianten mit Short-Leg-Restlaufzeiten zwischen 2 und 14 Tagen sowie Long-Leg-Restlaufzeiten zwischen 7 und 28 Tagen.
Messmethodik
Entry und Exit werden von unterschiedlichen Routinen in ThetaPilot ausgeführt und entsprechend unterschiedlich gemessen.
- Entry (Limit-Chasing): Der Bot platziert die Order initial auf dem ermittelten Mid-Point. Kommt kein Fill zustande, wird der Limitpreis iterativ in Schritten von 0,05 USD angepasst (0,05 → 0,10 → 0,15 USD, …), bis die Order gefüllt wird. Der finale Offset zum ursprünglichen Mid-Point wird als opening_slippage erfasst.
- Exit (Market Order): Erfasst wird ausschließlich der zeitbasierte Exit, bei dem eine Market Order platziert wird. Unmittelbar davor ermittelt das System den aktuellen Mid-Point; die closing_slippage ist die Differenz zwischen tatsächlichem Fill und diesem Mid-Point. Positiv = Slippage zulasten des Portfolios, negativ = Price Improvement.
Von den 33 Trades im Datenset wurden 15 über diesen zeitbasierten Market-Exit geschlossen und liefern damit einen closing_slippage-Wert; die übrigen wurden über andere Exit-Mechanismen beendet und fließen nicht in die Exit-Auswertung ein.
Vorab ein Hinweis zur Aussagekraft: 33 bzw. 15 Trades sind eine belastbare erste Stichprobe, aber keine große. Die folgenden Werte sind ein Zwischenfazit, das wir aktualisieren, sobald ThetaPilot mehr Live-Fills gesammelt hat.
Entry Slippage
Das Limit-Chasing zwingt die Ausführung nahe an den Mid-Point, verhindert aber keinen Offset: Bei keinem der 33 Entries kam der Fill exakt auf dem initialen Mid-Point zustande.
- Mean: 0,103 USD (10,30 USD pro Kontrakt)
- Median: 0,100 USD
- Min / Max: 0,050 USD / 0,450 USD
Verteilung der Offsets:
- 15 Trades bei 0,05 USD
- 10 Trades bei 0,10 USD
- 6 Trades bei 0,15 USD
- 1 Trade bei 0,30 USD
- 1 Trade bei 0,45 USD
Über 75 % der Fills liegen bei maximal 0,10 USD Offset – die beiden Ausreißer bei 0,30 und 0,45 USD ziehen den Mittelwert spürbar über den Median.
Exit Slippage
Bei den 15 zeitbasierten Market-Exits fällt die Slippage tendenziell höher aus als beim Entry, was sich mit der fehlenden Preiskontrolle einer Market Order gegenüber dem Limit-Chasing beim Entry deckt.
- Mean: 0,132 USD (13,20 USD pro Kontrakt)
- Median: 0,125 USD
- Min / Max: −0,100 USD / 0,375 USD
Der negative Ausreißer (−0,10 USD) zeigt, dass Price Improvement bei Market Orders vorkommt, aber die Ausnahme bleibt: In 14 von 15 Fällen lag der Fill auf oder über dem Mid-Point.
Fazit & Kalibrierung für Option Omega
Option Omega modelliert Slippage nicht pro Leg und nicht als einzelnen Round-Trip-Wert, sondern verlangt getrennte Combo-Slippage-Annahmen für Entry und Exit. Die hier gemessenen Werte lassen sich direkt übertragen: rund 0,10 USD Combo-Slippage für den Entry und rund 0,13 USD für den Exit eines SPX Double Calendar Spreads.
Wichtig dabei: Diese Werte sind ein Zwischenstand aus einer noch überschaubaren Stichprobe, kein statistisch abgesicherter Fixwert. Wer sie in Option Omega ansetzt, liegt aber deutlich näher an der Realität als mit der Default-Annahme nahe null. Ein Backtest, der von Fills ohne Slippage ausgeht, überschätzt die reale Performance systematisch – bei einer Strategie mit dünnem Edge reicht das aus, um aus einer profitablen Idee auf dem Papier ein Verlustgeschäft in der Praxis zu machen.